- Eine alte Schule für ein anderes Eggesin
- Ab 1952 verändert sich Eggesin
- 1956 war auch für das DDR-Schulwesen ein Schlüsseljahr
- 603 Schülerinnen und Schüler – schon zwei Jahre später
- Aus der Mittelschule wird eine Polytechnische Oberschule
- 812 Schülerinnen und Schüler
- 1971 erscheint der Name, den die Schule bis heute trägt
- Ein Schulgebäude erzählt Stadtgeschichte
Im ersten Teil unserer Serie führte die Spur zurück zum 1. September 1956. An diesem Tag begann für die Schule in der heutigen Luckower Straße ein neues Kapitel. Acht Unterrichtsräume standen zunächst zur Verfügung, während unter anderem Aula und Turnhalle noch nicht fertiggestellt waren. Aus der bisherigen Volksschule wurde eine Mittelschule.
Doch weshalb brauchte Eggesin Mitte der 1950er-Jahre überhaupt eine solche neue Schule?
Die Antwort führt weit über den Schulhof hinaus. Denn in diesen Jahren veränderte sich der gesamte Ort in einem Tempo, wie es Eggesin zuvor kaum erlebt hatte.
Eine alte Schule für ein anderes Eggesin
Schulunterricht gab es in Eggesin natürlich lange vor 1956. Ein heute noch erhaltenes Zeugnis davon steht mitten im alten Ortskern: die Alte Schule in der Bahnhofstraße 4. Das Gebäude wurde 1834 errichtet, nachdem ein Vorgängerbau am gleichen Standort abgebrannt war. Heute befindet sich darin die Eggesiner Heimatstube.
Generationen von Kindern gingen dort zur Schule. Einer der bekanntesten ehemaligen Schüler war der spätere Admiral Ludwig von Schröder.
Das Eggesin, für das dieses Schulhaus gebaut worden war, hatte allerdings nur wenig mit dem Ort gemein, der gut 120 Jahre später entstand. Aus dem von Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Ziegeleien, Holzverarbeitung und Schifffahrt geprägten Ort wurde nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb weniger Jahre ein bedeutender Militärstandort.
Und damit kamen Menschen.
Ab 1952 verändert sich Eggesin
Die Stadt Eggesin beschreibt die Entwicklung selbst als einen tiefgreifenden Einschnitt: Ab 1952 entwickelte sich Eggesin zur Garnisonsstadt. Zunächst wurden Einheiten der Kasernierten Volkspolizei stationiert, später gehörten die militärischen Anlagen zur Nationalen Volksarmee NVA.
Neue Wohnungen und Versorgungseinrichtungen wurden benötigt. In Karpin entstanden militärische Einrichtungen und Wohnbereiche. Familien zogen nach Eggesin. Die Bevölkerungsstruktur veränderte sich.
Die Schule war deshalb nicht irgendein zusätzliches Gebäude. Sie gehörte zu einer ganzen Reihe neuer Einrichtungen, die das wachsende Eggesin in den 1950er-Jahren benötigte. Die Stadtchronik nennt für diese Zeit unter anderem ein Landambulatorium, eine Apotheke, eine Post und eine neue Schule.
Als am 1. September 1956 der Unterricht in der neuen Mittelschule begann, spiegelte sich darin also unmittelbar die Entwicklung des Ortes.
Das lässt auch einen Satz aus einem zeitgenössischen Bericht zur Schuleröffnung in einem anderen Licht erscheinen. Die neue Schule sollte nicht nur Unterrichtsräume bereitstellen. Sie sollte zu einem „Kulturzentrum des Ortes“ werden.
Das war ein großer Anspruch.
1956 war auch für das DDR-Schulwesen ein Schlüsseljahr
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Eggesiner Schuleröffnung noch aus einem zweiten Grund.
Im Bundesarchiv befinden sich Unterlagen des damaligen DDR-Ministeriums für Volksbildung über die Entwicklung der Mittelschulen. Darunter befindet sich ein Beschluss des Ministerrates vom 15. März 1956 über Aufgaben und Aufbau der Mittelschulen.
Nur wenige Monate später eröffnete die Eggesiner Schule als Mittelschule.
Die Entwicklung in Eggesin war damit Teil eines viel größeren Umbaus des Schulwesens. Die DDR wollte mehr Kindern eine längere Schulbildung ermöglichen und gleichzeitig Schule stärker mit Naturwissenschaft, Technik und späterer Berufstätigkeit verbinden.
Für die gerade eröffnete Eggesiner Schule bedeutete dies: Selbst ihr ursprünglicher Status als Mittelschule sollte nicht lange Bestand haben.
603 Schülerinnen und Schüler – schon zwei Jahre später
Wie schnell die Schule wuchs, zeigen die Zahlen der Schulchronik.
Für 1958 werden bereits 603 Schülerinnen und Schüler in 23 Klassen genannt.
Damit war das neue Schulgebäude nur zwei Jahre nach seiner Eröffnung längst keine kleine Einrichtung mehr. Auf dem Schulhof begegneten sich täglich Hunderte Kinder und Jugendliche. Neue Klassen mussten organisiert, Lehrkräfte gewonnen und Räume genutzt werden.
Gleichzeitig veränderte sich der Unterricht.
1958 begann in der DDR flächendeckend der sogenannte „Unterrichtstag in der Produktion“. Schülerinnen und Schüler sollten nicht ausschließlich im Klassenraum lernen. Arbeit mit Werkstoffen, technische Bildung und praktische Erfahrungen in Betrieben wurden zu einem festen Bestandteil des neuen Unterrichts.
Das Wort „polytechnisch“, das heute ungewohnt klingt, beschreibt diese Verbindung von Allgemeinbildung, Technik und Arbeitswelt.
Aus der Mittelschule wird eine Polytechnische Oberschule
Am 2. Dezember 1959 verabschiedete die DDR das „Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens“. Damit wurde die zehnklassige Polytechnische Oberschule – kurz POS – zum grundlegenden Schultyp.
Die allgemeine Schulpflicht wurde auf zehn Jahre erweitert. Die Kinder sollten gemeinsam von der ersten bis zur zehnten Klasse lernen.
Für die junge Eggesiner Schule bedeutete das erneut Veränderung.
Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften und weitere klassische Schulfächer blieben wichtig. Hinzu kamen jedoch zunehmend technische und praktische Bestandteile. Schülerinnen und Schüler sollten beispielsweise Werkstoffe kennenlernen, technisches Verständnis entwickeln und später auch Erfahrungen in der Produktion sammeln.
Dieser Ansatz hatte zwei Seiten.
Einerseits eröffnete die zehnjährige gemeinsame Schule vielen Kindern Bildungswege, die zuvor nicht selbstverständlich gewesen waren. Naturwissenschaftliche und technische Ausbildung besaßen einen hohen Stellenwert.
Andererseits verstand die DDR Schule ausdrücklich auch als Ort politischer Erziehung. Lehrpläne und schulisches Leben sollten sich an der sozialistischen Staatsordnung orientieren. Schule vermittelte deshalb nicht nur Wissen, sondern sollte auch politische Überzeugungen prägen.
Beides gehört zur Geschichte der Eggesiner Schule.
812 Schülerinnen und Schüler
Wie stark Eggesin weiter wuchs, zeigt ein weiterer Eintrag in der Schulchronik.
Im Schuljahr 1964/65 besuchten 812 Schülerinnen und Schüler in 31 Klassen die Schule. Innerhalb von weniger als zehn Jahren hatte sich der neue Schulstandort zu einer großen Bildungseinrichtung entwickelt.
Diese Entwicklung verlief parallel zu der des Ortes.
Am 7. August 1966 erhielt Eggesin anlässlich seiner 750-Jahr-Feier das Stadtrecht. Aus dem früheren Dorf war offiziell eine Stadt geworden.
Schule und Ort waren damit innerhalb eines Jahrzehnts gemeinsam gewachsen.
1971 erscheint der Name, den die Schule bis heute trägt
Ein weiterer wichtiger Eintrag findet sich für 1971.
Die Schulchronik vermerkt die Namensgebung „Ernst-Thälmann-Oberschule“.
Ernst Thälmann war von 1925 bis zu seiner Verhaftung 1933 Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands und wurde 1944 im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar auf direkten Befehl hin ermordet. In der DDR entwickelte der Staat um seine Person einen ausgeprägten politischen Erinnerungskult. Schulen, Betriebe, Straßen und die Pionierorganisation trugen seinen Namen.
Auch in Eggesin blieb es offenbar nicht allein bei einem Namensschild.
Eine interessante Spur findet sich im Archiv der damaligen Tageszeitung Neues Deutschland. Am 11. November 1973 berichtete die Zeitung über sogenannte „revolutionäre Traditionsstätten“ an Schulen des Bezirkes Neubrandenburg. Ausdrücklich genannt wurde dabei eine „Gedenkstätte ‚Ernst Thälmann‘ an der Bildungseinrichtung in Eggesin“.
Der Bericht ist zugleich ein Zeitdokument. Er zeigt, welchen Stellenwert politische Traditionspflege im damaligen Schulalltag besitzen sollte. Kinder als Pioniere und Jugendliche als FDJ-Mitglieder sollten sich mit politischen Vorbildern und der Geschichte der Arbeiterbewegung beschäftigen.
Damit wurde der Name Ernst Thälmann zu einem sichtbaren Bestandteil der Geschichte dieser Schule.
Dass er auch nach dem Ende der DDR erhalten blieb, ist wiederum eine ganz andere Geschichte.
Ein Schulgebäude erzählt Stadtgeschichte
Wer heute durch den Eingang der Regionalen Schule geht, betritt deshalb nicht einfach ein 70 Jahre altes Gebäude.
Der Standort erzählt von einem Eggesin, das sich innerhalb weniger Jahre grundlegend veränderte: von der alten Schule im Ortskern, vom Aufstieg zur Garnisonsstadt, von Hunderten neu hinzukommenden Schülerinnen und Schülern, von der DDR-Schulreform und schließlich von einer Schule mit mehr als 800 Kindern.
1956 hatte alles mit acht nutzbaren Unterrichtsräumen begonnen. Keine zehn Jahre später lernten hier 812 Schülerinnen und Schüler. Und die Entwicklung war noch lange nicht beendet...