- 1216: Ein Dorf namens Gizyn erscheint in den Urkunden
- Krieg, Wiederaufbau und ein neuer Anfang
- Vom Industriestandort zur Garnisonsstadt
- 7. August 1966: Aus Eggesin wird eine Stadt
- Nach 1990 verlor Eggesin Einwohner – und musste sich neu erfinden
- 60 Jahre Stadtrecht – aber keine erst 60 Jahre alte Stadt
Eggesin ist heute genau 60 Jahre Stadt – und zugleich mehr als acht Jahrhunderte alt. Am 7. August 1966 erhielt die damalige Gemeinde anlässlich der 750-Jahr-Feier das Stadtrecht. Die Geschichte des Ortes reicht jedoch wesentlich weiter zurück: Bereits am 7. April 1216 taucht Eggesin erstmals in einer Urkunde auf. Eggesin ist damit bis heute die jüngste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns.
Es ist eine jener scheinbaren Widersprüche, die die Geschichte interessant machen: Eggesin feiert am 7. August 2026 seinen 60. Geburtstag als Stadt, befindet sich zugleich aber im 810. Jahr seiner urkundlich belegten Geschichte. Die beiden Jubiläen markieren völlig unterschiedliche Ereignisse. 1216 wurde Eggesin nicht gegründet. Vielmehr erscheint der Ort damals erstmals in einer erhaltenen Urkunde. Das Stadtrecht kam erst dreieinhalb Jahrhunderte später – nein: sogar 750 Jahre später, am 7. August 1966.
1216: Ein Dorf namens Gizyn erscheint in den Urkunden
Die erste urkundliche Erwähnung führt in das mittelalterliche Pommern. Am 7. April 1216 wird ein Dorf namens „Gizyn“ beziehungsweise „Gizin“ genannt. Die pommerschen Herzöge Bogislaw II. und Kasimir II. überließen dem Kloster Grobe auf Usedom das Dorf zusammen mit zugehörigen beziehungsweise benachbarten Gewässern und Wäldern. Für Eggesin ist dieses Dokument der historische Fixpunkt, von dem die heute gezählten 810 Jahre ausgehen.
Der Ortsname veränderte sich über die Jahrhunderte. Die städtische Chronik nennt unter anderem „Chyzin“ für 1267, „Egezyn“ für 1296 und „Eksin“ für 1302. Auch über die Bedeutung des Namens gibt es unterschiedliche Deutungen. Eine verbreitete Erklärung stellt einen Zusammenhang mit dem Zusammenfluss von Gewässern her. Gerade hier ist jedoch Vorsicht angebracht: Selbst die Stadtgeschichte formuliert diese Übersetzung lediglich als Möglichkeit; alternative sprachgeschichtliche Herleitungen existieren ebenfalls. Eine eindeutige Übersetzung des mittelalterlichen Ortsnamens sollte deshalb nicht als gesicherte Tatsache dargestellt werden.
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gelangte Eggesin an das Stift Jasenitz. Um 1350 entstand auf dem Schlossberg die Burg Neu Torgelow, die mit dem Ritter Zacharias Hase von Kufstein verbunden wird. In den folgenden Jahrhunderten blieb Eggesin zunächst ein ländlich geprägter Ort. Seit dem 16. Jahrhundert wird Eggesin als Flecken im Besitz der pommerschen Herzöge beschrieben.
Krieg, Wiederaufbau und ein neuer Anfang
Der Dreißigjährige Krieg hinterließ auch in der Gegend um Eggesin tiefe Spuren. Die offizielle Stadtgeschichte berichtet, dass nach dem Krieg in Eggesin und Gumnitz zusammen nur noch neun Bauern lebten. Gerade bei dieser Zahl ist die genaue Formulierung wichtig: Sie bezieht sich auf beide Orte gemeinsam. In späteren Jahrzehnten kamen wieder Bauern, Fischer, Holzfäller, Köhler und Teerschweler in die Gegend. 1731 wurde eine Fachwerkkirche geweiht.
Im 19. Jahrhundert veränderte sich Eggesin grundlegend. Aus dem landwirtschaftlich und forstwirtschaftlich geprägten Flecken entwickelte sich zunehmend ein Gewerbe- und Industriestandort. 1818 entstand die erste Ziegelei. Die Tonvorkommen der Umgebung boten dafür günstige Voraussetzungen. Um 1900 existierten nach Angaben der Stadt bereits zwölf Ziegeleien, außerdem drei Sägewerke, drei Windmühlen, eine Eisengießerei, Kahnbauwerkstätten und später eine Kistenfabrik.
Eine besondere Rolle spielte die Schifffahrt. Von den 1840er- bis in die 1960er-Jahre hinein gehörten Lastkähne zum Wirtschaftsleben Eggesins. Zeitweise soll es rund 70 Kahnschiffer gegeben haben. Mit den Fahrzeugen wurden unter anderem Ziegel und andere Güter in Richtung Ueckermünde und Stettiner Haff transportiert. Der Bau der Eisenbahnstrecke über Jatznick nach Ueckermünde im Jahr 1884 verbesserte die Verkehrsanbindung zusätzlich. 1911 entstand die heutige neugotische Martin-Luther-Kirche; ab 1913 erhielten erste Gebäude elektrische Anschlüsse.
Vom Industriestandort zur Garnisonsstadt
Ein weiterer tiefer Einschnitt folgte in den 1930er-Jahren. Ab 1936 entstanden im Bereich der heutigen Karl-Marx-Straße Wohnungen für Beschäftigte neuer Rüstungsbetriebe. Dazu gehörten die Luftmunitionsanstalt – die sogenannte MUNA – und die Deutsche Sprengchemie GmbH mit dem Tarnnamen „Seewerk“. Diese Phase gehört ebenso zur Ortsgeschichte wie die spätere militärische Prägung Eggesins und sollte bei einer historischen Rückschau nicht ausgeblendet werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein Kapitel, das das Bild Eggesins über Jahrzehnte besonders stark prägen sollte. Ab 1952 wurde der Ort zunächst Standort der Kasernierten Volkspolizei und anschließend der Nationalen Volksarmee. Eggesin und die umliegenden Militärstandorte entwickelten sich zu einem der bekanntesten Garnisonsräume der DDR. Parallel wuchs die zivile Infrastruktur: In den 1950er-Jahren entstanden unter anderem ein Landambulatorium, eine Apotheke, ein Postgebäude und eine polytechnische Oberschule.
Eggesin war damit längst kein kleines vorpommersches Dorf mehr. Die Einwohnerzahl wuchs, neue Wohnungen wurden benötigt, Versorgung und Infrastruktur mussten mit der Entwicklung Schritt halten. Die militärische Präsenz wurde zu einem wichtigen Bestandteil von Wirtschaft und Alltag.
7. August 1966: Aus Eggesin wird eine Stadt
Dann kam jener Tag, dessen 60. Wiederkehr Eggesin heute begeht.
Am 7. August 1966, während der Feierlichkeiten zum damals 750-jährigen Ortsjubiläum, wurde Eggesin offiziell das Stadtrecht verliehen. Zeitgenössische beziehungsweise heimatgeschichtliche Rückblicke aus Eggesin bezeichnen den Ort damit als die seinerzeit jüngste Stadt der DDR. Heute gilt Eggesin – gemessen an der Stadterhebung – als jüngste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns.
Bemerkenswert ist auch die damalige Altersstruktur. Ein Rückblick der Eggesiner Heimatfreunde zum 50. Stadtjubiläum nennt für 1966 ein Durchschnittsalter von nur 28,6 Jahren; rund ein Drittel der Einwohner habe seinen 25. Geburtstag noch vor sich gehabt. Die Bezeichnung „junge Stadt“ war damals also nicht nur kommunalrechtlich zutreffend, sondern beschrieb auch die Bevölkerung.
Die Entwicklung setzte sich fort. 1971 nahm das Elektromotorenwerk seine Produktion auf und entwickelte sich nach Angaben der Stadt zum größten Arbeitgeber Eggesins. In den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden insgesamt 896 Wohnungen in Plattenbauweise, außerdem das Rathaus-Mehrzweckgebäude und zwei neue Schulen. Das Stadtbild, an das sich viele Eggesiner noch heute erinnern, wurde wesentlich in dieser Zeit geformt.
Nach 1990 verlor Eggesin Einwohner – und musste sich neu erfinden
Mit der deutschen Wiedervereinigung änderten sich die Rahmenbedingungen innerhalb weniger Jahre fundamental. Arbeitsplätze verschwanden, militärische Einrichtungen wurden verkleinert oder geschlossen, junge Menschen verließen die Region. Was vorher Wachstum ermöglicht hatte, wurde nun zu einem Strukturproblem: Wohnungen standen leer, ganze Straßenzüge waren für eine Bevölkerung gebaut worden, die es in dieser Größe nicht mehr gab. Die Stadt reagierte mit Rückbau, Umbau und Stadterneuerung.
Die Größenordnung des Wandels lässt sich an den Einwohnerzahlen ablesen. Ende 1990 wurden für Eggesin 8.981 Einwohner ausgewiesen. Zum 31. März 2026 nennt das gemeinsame Statistikportal für Mecklenburg-Vorpommern 4.812 Einwohner. Damit hat die Stadt gegenüber 1990 fast die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren.
Auch die Bundeswehrstrukturreformen beschäftigten die Stadt. Anfang 2001 protestierten Einwohner gegen die geplante Schließung der Artilleriekaserne Karpin. Die militärische Vergangenheit blieb damit auch nach dem Ende der DDR ein bestimmender Faktor für die kommunale Entwicklung.
Gleichzeitig begann Eggesin, sein Zentrum und sein Selbstverständnis neu zu gestalten. Der historische Ortskern wurde aufgewertet, Gebäude saniert und neue Nutzungen geschaffen. Seit 2005 ist Eggesin geschäftsführende Gemeinde des Amtes „Am Stettiner Haff“. 2007 wurde das Rathaus in einem umgebauten historischen Gebäudekomplex eröffnet. Zusammen mit Blaubeerscheune, KulturWerkstatt und weiteren Einrichtungen entstand dort ein neues kommunales und kulturelles Zentrum. Seit 2012 befindet sich zudem der Sitz des Naturparks „Am Stettiner Haff“ mit Besucherinformation in Eggesin.
60 Jahre Stadtrecht – aber keine erst 60 Jahre alte Stadt
Genau diese Unterscheidung macht das Jubiläum 2026 so interessant. Eggesin besitzt einen jungen Stadttitel, aber eine sehr viel ältere Ortsgeschichte.
Zwischen dem mittelalterlichen Gizyn des Jahres 1216 und der heutigen Stadt liegen Ziegeleien und Kahnschiffer, Industrialisierung und Eisenbahn, Rüstungsindustrie, Garnisonszeit und NVA, Elektromotorenwerk und Plattenbau, Wiedervereinigung, Bevölkerungsschwund und Stadtumbau. Eggesin hat in diesen Jahrhunderten mehrfach seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Grundlage verändert.
Auch heute ist dieser Wandel nicht abgeschlossen. Eggesin ist inzwischen seit über einem Jahr schuldenfrei und plant unter anderem den Bau eines neuen Schulecampus. Der eigentliche Jahrestag des Stadtrechts ist der 7. August; öffentlich soll das Stadtjubiläum am 12. September 2026 im Zusammenhang mit den Randow-Festtagen gefeiert werden. Die 59. Randow-Festtage sind vom 11. bis 13. September vorgesehen.
Wenn Eggesin an diesem 7. August also seinen 60. Stadtgeburtstag begeht, feiert hier keine 60 Jahre alte Siedlung. Gefeiert wird der vergleichsweise junge kommunale Status eines Ortes, dessen schriftlich belegte Geschichte bereits 810 Jahre umfasst.
Vielleicht liegt gerade darin eine passende Beschreibung Eggesins: die jüngste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns – mit einer Geschichte, die weit älter ist als ihr Stadtrecht.