Deutschland steht bei der WM 2026 vor dem zweiten Gruppenspiel — und diesmal dürfte der Maßstab deutlich härter werden. Nach dem 7:1 gegen Curaçao trifft die Mannschaft von Julian Nagelsmann am Samstagabend in Toronto auf die Elfenbeinküste. Anstoß ist um 22 Uhr deutscher Zeit. Es ist das Duell der beiden Auftaktsieger in Gruppe E. Wer gewinnt, macht einen großen Schritt Richtung K.-o.-Runde; für Deutschland wäre der vorzeitige Einzug sogar praktisch greifbar.
Der deutsche Start war spektakulär. Sieben Tore, sechs verschiedene Torschützen, ein offensiver Spielfluss, der schon früh Turnierlaune erzeugte. Felix Nmecha traf früh, Nico Schlotterbeck antwortete nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich, Kai Havertz erzielte zwei Tore, Jamal Musiala, Nathaniel Brown und Deniz Undav legten nach. Gerade die Breite des Kaders war auffällig: Brown mit Tor und Vorlage, Undav als Joker mit direktem Einfluss, Havertz flexibel und effizient. Der Auftakt war nicht nur ein Pflichtsieg, sondern ein Signal.
Trotzdem ist die sportliche Aussagekraft begrenzt. Curaçao war mutig, aber kein Gegner auf dem Niveau, das Deutschland im weiteren Turnier erwartet. Genau darauf verweist auch Joshua Kimmich. Der Kapitän sieht in den kommenden Spielen die eigentliche Standortbestimmung. Sein Kernpunkt: Deutschland muss stabiler verteidigen. Der Gegentreffer gegen Curaçao fiel nach einem Umschaltmoment — und solche Situationen sind gegen die Elfenbeinküste deutlich gefährlicher.
Die Ivorer bringen ein anderes Profil mit: mehr Physis, mehr Tempo, mehr direkte Duelle. In der Offensive verfügt die Mannschaft von Emerse Faé über Spieler, die im Eins-gegen-eins jederzeit Dynamik erzeugen können. Yan Diomande von RB Leipzig ist einer der auffälligsten Namen, dazu kommen Amad Diallo, Nicolas Pépé und die Erfahrung von Kapitän Franck Kessié. Das 1:0 gegen Ecuador war kein Zufall, sondern ein Warnsignal. Die Elfenbeinküste kann leiden, kompakt bleiben und spät zuschlagen.
Für Deutschland wird deshalb die Restverteidigung zum Schlüssel. Nagelsmanns Mannschaft wird voraussichtlich mehr Ballbesitz haben. Die Frage ist, wie gut sie hinter dem Ball abgesichert ist, wenn Angriffe abbrechen. Gegen Curaçao konnte Deutschland kleinere Unsauberkeiten noch problemlos auffangen. Gegen die Elfenbeinküste können offene Räume sofort teuer werden. Besonders Kimmichs Seite und die Absicherung hinter den Außenverteidigern dürften in Toronto entscheidend sein.
Personell spricht vieles dafür, dass Nagelsmann seiner Startelf weitgehend vertraut. Manuel Neuer steht im Tor und kann gegen die Elfenbeinküste zum alleinigen WM-Rekordtorwart werden. Nathaniel Brown hat sich links nach seinem starken Auftakt empfohlen. Im Zentrum könnten Tah und Schlotterbeck erneut beginnen, davor Pavlović und Nmecha als Balancegeber. In der Offensive bleibt die spannendste Frage, ob Leroy Sané eine zweite Startelfchance bekommt oder ob Undavs Jokerleistung den Bundestrainer zum Umbau bewegt. Die wahrscheinlichste Variante bleibt aber: wenig Rotation, klare Automatismen, maximale Kontrolle.
Emotional trägt das Spiel zudem eine kleine historische Note. Deutschland und die Elfenbeinküste trafen bisher nur einmal aufeinander. Das 2:2 im November 2009 stand unter dem Eindruck des Todes von Robert Enke. Neuer war damals schon dabei, wenn auch nur eine Halbzeit. Nun, fast 17 Jahre später, ist er wieder Teil dieser Begegnung — als erfahrener Fixpunkt eines Teams, das nach schwierigen WM-Jahren wieder früh Sicherheit ausstrahlen will.
Die Ausgangslage ist klar: Deutschland ist Favorit, aber nicht risikolos. Der Kantersieg zum Auftakt hat Selbstvertrauen gegeben, darf aber nicht zur falschen Lesart führen. Gegen die Elfenbeinküste geht es nicht nur um drei Punkte. Es geht darum, ob das DFB-Team seine offensive Wucht mit defensiver Reife verbinden kann. Genau daran wird sich zeigen, ob dieses 7:1 der Beginn eines großen Turniers war — oder nur ein glänzender Auftakt gegen einen Außenseiter.
Prognose: Deutschland hat die höhere individuelle Qualität und mehr Spielkontrolle. Die Elfenbeinküste besitzt aber genau die Waffen, die einem dominanten Favoriten wehtun können: Tempo, Physis und Konterstärke. Wird Deutschlands Restverteidigung sauber, spricht viel für den zweiten Sieg. Wird das Spiel wild, kann es unangenehm werden.